Sonntag, 25. September 2011

Einige Worte zur Pseudo-Islamkritik

Es ist oft die Rede von einer sogenannten Islamkritik, die angeblich in der öffentlichen Meinung unterdrückt wird. Besonders wurde dieser Diskurs von dem Blog „Politically Incorrect“(PI) und teilweise auch von seiner Soft-Variante "Die Achse des Guten" befeuert. Dass es diesen sogenannten Islamkritikern, die sich zum Schein manchmal ein aufklärerisches Image geben, eigentlich um etwas ganz anderes geht, sieht man schon daran, dass diese ständig eine absurde Polemik gegen alles führen, was im weitesten Sinne „links“ ist, also gegen alle politischen Kräfte, die für Emanzipation, gesellschaftliche Liberalisierung und Säkularisierung stehen, also für das, was man „kulturelle Moderne“ nennen kann (siehe dazu: http://www.glasnost.de/autoren/krauss/regfun.html), obwohl sie vordergründig den Islam gerade deshalb verabscheuen, weil er gewisse Errungenschaften dieser kulturellen Moderne negiert.
Nun soll aus der Sicht dieser rechtskonservativen „Islamkritiker“ die weltanschauliche Tendenz der kulturellen Moderne (kurz: die Linke) für eine schleichende Islamisierung Europas verantwortlich sein, bzw. würde den Islam als Bündnispartner gebrauchen, um das christliche Abendland zu zerstören. Daraus ergibt sich also, dass diese Art von Islamkritik ganz klar zu unterscheiden ist, von einer emanzipatorischen Islamkritik, wie sie auch von säkularen Muslimen und Ex-Muslimen vorgetragen wird und auch von Personen wie Alice Schwarzer oder Ralph Giordano. Die reaktionäre Islamkritik, die sich gar nicht gegen die anti-modernen Züge des Islam richten kann, weil sie ja selbst die kulturelle Moderne ablehnt, auch wenn sie sich oberflächlich einen anderen Anschein gibt, hat ja offensichtlich auch den Attentäter Breivik inspiriert. Der Chefdenker von "Politically Incorrect" Michael Mannheimer alias Merkle windet sich da fadenscheinig heraus, obwohl er bereits zuvor zum Widerstand, wenn nötig auch bewaffnet, gegen das politische Establishment in Deutschland aufgerufen hat (http://michael-mannheimer.info/2011/04/09/mein-aufruf-zum-widerstand-gegen-das-politische-establishment-gemas-art-20-abs-4-gg/). Hier noch ein interessanter Hinweis darauf, woher Michael Mannheimer möglicherweise die aberwitzige These von einem Bündnis zwischen Marxismus (das ist für ihn die kulturelle Moderne )und Islam hat: aus den dubiosen Prophezeiungen eines christlich-fundamentalistischen Predigers: http://derfalke.blogspot.com/2011/08/michael-mannheimer-der-hintergrund.html

Als ständiger Beweis für diese Theorie dient ihnen dann die Tatsache, dass es oft vermeintlich linke und als progressiv geltende Gruppen sind, die den Islam oder Muslime in Schutz nehmen oder die menschenrechtsfeindlichen Tendenzen des Islam relativieren. Nur hat dies noch verschiedene Gründe. Zum einen ist dies wohl geradezu bereits die Reaktion auf eben diese fremdenfeindlich konnotierte „Islamkritik“. Zum anderen gibt es natürlich durchaus Tendenzen in linken Strömungen, denen es mehr um soziale Gleichheit und Gemeinschaftlichkeit als Selbstzweck und weniger um individuelle Emanzipation geht. Ansonsten haben fortschrittliche, linke und linksliberale Kräfte gegen eine vernünftige Islamkritik meistens gar nichts einzuwenden, auch die Grünen zum großen Teil nicht, sofern es tatsächlich und ausschließlich um Kritik an den anti-emanzipatorischen Tendenzen im Islam geht. Sie haben allerdings etwas gegen die pauschale Stigmatisierung aller Migranten mit einem kulturell muslimischen Hintergrund. Denn die pauschale Zuordnung von Menschen zu Nationen oder auch Kulturkreisen ist eine Ausblendung des einzelnen Individuums und richtet sich daher gegen die Emanzipation des Individuums. Diese Unterscheidung wird von der Strömung hinter PI völlig ausgeblendet und damit haben die dann ihr Feindbild von den linken Gutmenschen, die sich schützend vor den orthodoxen Islam stellen.

Mit dieser Verknüpfung von anti-modernistisch motiviertem Hass auf alles Linke und einer scheinbar religionskritischen Islamkritik gelingt es dann auch die zur kapitalistischen Globalisierung gehörende Anwerbung von fremden Arbeitskräften zum Bestandteil einer kommunistischen Langzeitstrategie zu erklären. Jedenfalls ist es dem Medium PI - und dabei wohl insbesondere seinem ideologischen Kopf Michael Mannheimer alias Merkle - gelungen, dass jegliche Kritik am Islam, auch wenn sie sich gerade gegen seine anti-emanzipatorischen Tendenzen richtet, die mit der kulturellen Moderne nicht zu vereinen sind, im Verdacht steht, fremdenfeindlich und damit selbst rückwärtsgewandt und anti-emanzipatorisch zu sein.

Diese Leute funktionalisieren die Migranten aus muslimischen Herkunftsländern so wie es der orthodoxe Islam vorgibt: pauschal als Soldaten für die Islamisierung, so wie Erdogan sie auch sieht. Dabei bleibt der so stigmatisierte Migrant immer Moslem, egal was er tut. Ein solcher Migrant findet vor denen höchstens Gnade, wenn er lautstark bekennt kein Moslem zu sein. Dass einem großen Teil dieser Migranten vielleicht der Islam längst am Arsch vorbei geht, geht wiederum ihnen am Arsch vorbei. Aber auch denjenigen, die sich zum Islam bekennen, pauschal zu unterstellen, dass sie planmäßig, die Islamisierung Europas betreiben, ist ein Kurzschluss, denn es lässt sich niemals vom theoretischen Inhalt einer Ideologie auf das Verhalten jedes einzelnen ihrer Anhänger schließen, da diese ihr oft nur aus Tradition oder anderen subjektiven Motiven anhängen und sie nicht unbedingt vollständig verinnerlicht haben müssen. Eine ernsthafte Ideologiekritik weiß hier selbstverständlich zu trennen. An diesem Punkt unterscheidet sich eigentlich die sachliche Kritik an einer Weltanschauung von einer Verschwörungstheorie. Insofern ist es berechtigt, die Gedankenwelt von PI in das Spektrum der Verschwörungstheorien einzuordnen. Da PI die Verschwörungstheorie gegen die Muslime dann noch mit einer Verschwörungstheorie gegen alle linken Kräfte, im Sinne aller progressiven emanzipatorisch orientierten Kräfte, verknüpft, ist es auch angebracht, diese Strömung mit explizit faschistischen Kräften zu vergleichen: So wie diese von einem Zusammenhang zwischen kultureller Moderne, Marxismus und Menschen jüdischer Herkunft konstruierten, so konstruieren jene einen Zusammenhang zwischen kultureller Moderne, Marxismus und Menschen muslimischer Herkunft.

Das Problem ist nun, dass ein großer Teil der Öffentlichkeit schon seit geraumer Zeit und dann auch aktuell angesichts des Massakers in Norwegen, dessen Urheber sich nun mal auf genau die eben beschriebene Verschwörungstheorie bezog, wie sie auch PI vertritt, gerade auf dieses Spiel reinfällt, indem sie ebenfalls nicht mehr zwischen Ideologiekritik und Verschwörungstheorie unterscheidet und jegliche Kritik am Islam, seiner Lehre und seiner Praxis, unter Verdacht stellt. Jedem, der die Rückständigkeit der islamischen Kultur kritisiert, wird, auch wenn er selbst einen muslimischen Hintergrund hat, unterstellt, dass er die fremdenfeindlichen Ressentiments bedient, die sich aus der beschriebenen anti-muslimischen Verschwörungstheorie ergeben. Ob man den Islam deswegen kritisiert, weil er den emanzipatorischen Tendenzen der modernen Welt entgegensteht oder ob man diese Tendenzen selbst ablehnt und den Islam deshalb ablehnt, weil er die traditionell gewachsene deutsche oder abendländische Kultur zerstört und damit angeblich ein Verbündeter jener emanzipatorischen Tendenzen sei, wird dann gar nicht mehr unterschieden oder für unwichtig erklärt. Zu dieser Verwirrung haben Gruppierungen wie PI eindeutig zumindest beigetragen, indem sie geschickt die aufklärerische Ideologiekritik am Islam mit der fremdenfeindlich aufgeladenen Verschwörungstheorie vermischen und stets emanzipatorische Argumente gegen den Islam einfließen lassen, um zwischendurch davon abzulenken, dass sie eigentlich den Islam bekämpfen, weil sie ihn als Verbündeten der emanzipatorischen Kräfte sehen.

Zum Beispiel wird besonders die Partei der Grünen, wohl speziell wegen der Farbe (?), ständig attackiert mit der Unterstellung, dass sie die Islamisierung Deutschlands betreibe und zu den menschenrechtsfeindlichen Tendenzen im Islam schweige, nur weil sie sich gegen die Pauschalverurteilung aller Muslime verwahrt und für deren Integration in diese Gesellschaft eintritt - wie alle anderen im Bundestag vertretenen Parteien auch. Gleichzeitig wird sie dann angegriffen, weil bei ihr besonders der Kampf um die Rechte Homosexueller eine Rolle spielt. Verknüpft werden diese beiden sich eigentlich ausschließenden Vorwürfe dann mit dem ablenkenden Verweis darauf, dass es in der islamischen Welt viel schlimmer für die Homosexuellen sei und dass es wichtiger sei dagegen zu demonstrieren usw. und dann mit der hanebüchenen Unterstellung, die in diesem Milieu aber anscheinend wie ein offensichtliches Faktum gehandelt wird, dass die gleichen Personen und Gruppen, die hier für Frauenrechte, Homosexuellenrechte, für die Trennung von Kirche und Staat eintreten oder auch Kirche und Christentum ablehnen, diejenigen seien, die sich sofort dem Islam unterwerfen würden. Dies ist der rhetorische Kunstgriff, mit dem gleichzeitig die emanzipatorische Moderne bekämpft wird, ihre Anliegen aber propagandistisch vereinnahmt werden. Dabei ist es sehr wohl berechtigt, auch die Haltung der katholischen Kirche zu kritisieren. Denn sie versucht keineswegs nur auf ihre Anhänger Einfluss zu nehmen, was im Rahmen einer freien Gesellschaft in Ordnung wäre – also hier wäre es nicht angebracht von ihr eine Anpassung an die moderne Realität zu fordern-, sondern, wie der grüne MdB Volker Beck gerade bei Maybrit Illner verdeutlicht hat, wendet sich der Vatikan zusammen mit scharia-islamischen Staaten in der UN-Vollversammlung dagegen, eine Resolution für die Achtung der Menschenrechte Homosexueller zu verabschieden. Über so etwas sprechen die rechten Pseudo-Islamkritiker natürlich nicht, genauso wenig wie über Panzergeschäfte Deutschlands mit Saudi-Arabien, die gerade von den Grünen angeprangert wurden, da es nicht in ihre Vorstellung von der gemeinsamen Verschwörung der Linken und Moslems gegen das christliche Abendland passt.

Kommentare:

  1. Ein etwas irritierender Text, was nichts schlechtes heißen soll. Allerdings will mir nicht in den Kopf, warum Alle, die für Emanzipation, gesellschaftliche Liberalisierung und Säkularisierung stehen, per se links sein müssen. Das Monopol in Sachen Weltverbesserung, das Du hier für die Linke und Linke für sich selbst reklamieren, finde ich alles Andere als gerechtfertigt. Als hätte sich die Linke nicht schon das eine ums andre Mal geirrt. Ein Wenig Demut täte hier gut.

    Ebenso empirisch ist übrigens auch das Flirten mit dem Totalitarismus in der Linken. Der rhetorische Kunstgriff liegt an dieser Stelle eher deinerseits.

    Was das Islamisierungsphänomen und seine Ursachen anbelangt, ist es zunächst mal völlig wurscht, ob es planmäßig durchgeführt wird (was nun wirklich Unsinn ist) oder billigend in Kauf genommen wird, denn allgemein wird es ja entweder relativiert (und ein unsinniges Förderprogramm nach dem nächsten gestartet) oder sogar geleugt, dass es existiert.

    Angesichts dessen kann ich mir die mehr oder minder geschmackvollen Polemiken sehr gut vorstellen.

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  2. Zunächst: Ich "reklamiere" nicht die Errungenschaften der kulturellen Moderne für die Linke, sondern ich verwende den Begriff "Linke" so, dass er alle umfasst, die ernsthaft für diese Errungenschaften stehen und sie hervorgebracht haben und sie weiter ausbauen (nicht aber solche, die sie nur instrumentalisieren und für sich in Anspruch nehmen, sie aber gleichzeitig bekämpfen oder auch nur ihre Weiterentwicklung behindern). So ist der Begriff meines Wissens bis vor wenigen Jahren immer verwendet worden. Das ist keine Wortverdrehung meinerseits. "Links" und "rechts" bezeichnen logischerweise immer nur Relationen zu anderen Standpunkten, bekommen ihren konkreten Sinn also nur im gesamten Kontext der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Dass z.B. das Frauenwahlrecht heute von allen demokratischen Kräften akzeptiert wird, ändert nichts daran, dass es nur existiert, weil es einst von den politischen Kräften gefordert wurde, die im damaligen Kontext weit links standen. Diese Kategorisierung entstand durch die Sitzordnungen in frühen Parlamenten, wo eben diejenigen, die sich gegen die traditionellen Ordnungen wandten, eben links saßen.
    Dass es jetzt immer mehr üblich wird, als Linke nur die Anhänger des Marxismus zu bezeichnen, die natürlich in der Tat teilweise einen Hang zum Totalitären haben, sehe ich bereits als einen Erfolg jener "rechtspopulistischen" Desinformation, die ich versucht habe, zu entlarven. Zu dieser gehört ja eben auch die Verleugnung oder Unterschlagung der Tatsache, dass innerhalb des linken Spektrums und auch wieder innerhalb des marxistischen Spektrums bereits eine große Kontroverse bezüglich der Einordnung des politischen Islam besteht (siehe zum Beispiel die Kritische Islamkonferenz), so wie auch der real existierende Sozialismus ganz unterschiedlich von linken Strömungen eingeordnet wurde.
    Was den Begriff der "Islamisierung" betrifft, bin ich auch erst einmal vorsichtig. Ich bin ganz klar für inhaltliche Islamkritik, also auf dem Standpunkt, dass aus emanzipatorischer Sicht der traditionelle Islam wegen seiner anti-emanzipatorischen Eigenschaften bekämpft werden muss. Ob dies allerdings eine solche Relevanz hat, dass man sagen kann, dass durch einige Integrationsverweigerer die kulturelle Moderne bedroht ist, wage ich noch nicht zu beurteilen. Zumindest sehe ich eine eindeutige Übertreibung, wenn unreflektiert von vier Millionen Muslimen in Deutschland gesprochen wird, obwohl darunter alle gefasst sind, die ihre Wurzeln in einem muslimisch geprägten Land haben, was eben was völlig anderes ist. Natürlich, für diejenigen "Islamkritiker", die von einem deutsch-völkischen oder christlich-abendländischen Standpunkt aus argumentieren, ist dies an sich schon Anlass zur Sorge. Aber vom emanzipatorischen Standpunkt aus ist es das eben nicht.

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  3. Dass es jetzt immer mehr üblich wird, als Linke nur die Anhänger des Marxismus zu bezeichnen, sehe ich bereits als einen Erfolg jener "rechtspopulistischen" Desinformation, die ich versucht habe, zu entlarven.

    In Sachen Stigmatisierng nehmen sich beide Seiten nicht viel, nur hat die Linke mittlerweile die Macht ihren Sprech durchzusetzen. Und ich finde schon, dass man als heutiger Linker Marx gelesen haben sollte: "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen." Das ist nach wie vor der einzig sinnvolle Maßstab von (linker) Politik. Deswegen muss man nicht gleich zum Marxisten mutieren. Komischerweise arbeiten die sog. Rechtspopulisten mehr dafür, dass die Parole - wenigstens ansatzweise - verwirklicht werde, als die achso emanzipatorischen Linken. Kurz: für mich stellt es sich als Etikettenschwindel dar.

    Dass es ein vielfältiges Spektrum innerhalb der Linken gibt, ist mir bekannt. Und meines Wissens spielen die "emanzipatorischen" Kräfte darin keine besondere Rolle.

    Im historischen Kontext ist es natürlich etwas Anderes. Da hast du völlig Recht. Allerdings bin ich auch dagegen, einen jeden für den Gang der Geschichte persönlich gerade stehen zu lassen. Inhaltliche Kritik ist zweifelsfrei erlaubt. Auch an Marx.

    Am Islamismus ist nun m.E. gerade nicht zu kritisieren, dass er "traditionell" wäre. Religion ist uralt. Fundamentalismus ist ein verhältnismäßig eher junges Phänomen. Zur Tradition des Islam gehörte es eben AUCH Fragen zu stellen, wissenschaftlich zu arbeiten und dem Individuum gewisse persönliche Freiheiten zuzugestehen. Angesichts der "Übermacht des Westens" (mit der die Muslime in Wahrheit schon längst "kollaboriert" haben) zieht sich der Fundamentalismus hingegen auf die Beteuerung des Urtextes zurück. Fragen zu stellen ist nicht mehr gestattet. Soviel von meinem christlich-abendländischen Standpunkt aus. ;)

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  4. "Dass es ein vielfältiges Spektrum innerhalb der Linken gibt, ist mir bekannt. Und meines Wissens spielen die "emanzipatorischen" Kräfte darin keine besondere Rolle."
    Das verstehe ich jetzt nicht ganz. In den Zusammenhängen links von der Mitte dreht sich doch eigentlich alles um den Begriff der Emanzipation, der Selbstbestimmung gegen die Fremdbestimmung, konkret z.B. die Infragestellung von Geschlechterrollen. Und dafür werden diese linken und fortschrittlichen Kräfte ja auch stets von konservativer Seite (Eva Hermann usw.) diffamiert, dass sie im Namen der "Selbstverwirklichung" die Moral und den Zusammenhalt der Gesellschaft zerstören wollten. Auch die rechtspopulistischen „Islamkritiker“ wie PI beteiligen sich an dieser Polemik nicht zu knapp. Also verstehe ich nicht, wie die heute rechtspopulistisch genannten Kräfte mehr für die Verwirklichung emanzipatorischer Ideen arbeiten sollten als die sich selbst als links bezeichnenden Kräfte. Ich beziehe mich jetzt nur auf Deutschland, in den anderen Ländern mag die Situation noch anders liegen.

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  5. ... Ich will auch nicht behaupten, dass es in der Entwicklung des Islam nicht auch rationales Denken gegeben hätte. Mit "traditionell" meine ich die traditionellen Ordnungsstrukturen wie Patriarchat, Familie und feste Geschlechterrollen, die durch die islamische Religion zumindest gestützt werden. (Der Fundamentalismus ist insofern neu als er eine Reaktion auf die Konfrontation mit der Moderne ist.) Und hier ist der Punkt eben der: Ich habe noch nie von jemandem, der sich selbst als im weitesten Sinne links einordnet, gehört, dass er es als "kulturelle Bereicherung" begrüßt, dass es muslimische Parallelgesellschaften mit Überwachung der Töchter und Zwangsheirat gibt. Dieser Gedanke an sich ist mir eigentlich nur aus den Unterstellungen von der "rechtspopulistischen" Seite bekannt. Einen Beleg habe ich dafür noch nie gesehen und eine Behauptung wird eben nicht dadurch wahr, dass sie ständig wiederholt wird. Es gibt natürlich Leute, die Integrationsprobleme in ihrer Bedeutung relativieren. Aber das ist eine Ermessensfrage und keine Grundsatzfrage. Im Gegenteil weiß ich aber, dass Lale Akgün (SPD) und Ekin Deligöz (Grüne) ganz im Sinne von Integration und Emanzipation die deutschtürkischen Frauen zum Ablegen des Kopftuches aufgefordert haben. So etwas wird auf PI-News aber so gut wie nie erwähnt, weil es nicht in deren Konzept von der Realität passt. Dort wird dann ständig Claudia Roth als Hassobjekt gepusht, weil sie für die Islamisierung verantwortlich sein soll - ja warum eigentlich? Weil sie gerne in der Türkei Urlaub macht und für deren EU-Beitritt ist (einem laizistisch verfassten Staat wohlbemerkt)? Was hat das mit der Ideologie des Islam zu tun? Wenn die Macher von PI angegriffen werden, behaupten sie ja einfach, dass sie nur gegen die Ideologie des Islam seien, aber nicht gegen Menschen. Aber natürlich geht es ihnen gegen die Menschen muslimischer Herkunft. Sonst macht ein großer Teil der Beiträge dort einfach keinen Sinn.
    Auch daher weiß ich nicht, inwiefern die "Rechtspopulisten" mehr für die Selbstbestimmung des Individuums arbeiten sollen als die Vertreter des linken Spektrums. Im Großen und Ganzen geht es ihnen nicht um die Emanzipation und der dazugehörigen Integration der Migranten, sondern darum sie aus Europa heraus zu drängen. In ihren Heimatländern sollen sie dann ruhig dem Islam unterworfen bleiben, nur nach Europa gehört der Islam nicht. Jedenfalls wird der Begriff Integration von ihnen stets lächerlich gemacht und unsere Politiker werden als Verräter beschimpft, weil sie für die Integration von Muslimen sind, obwohl gleichzeitig die Muslime pauschal beschimpft werden, weil sie sich nicht integrieren. Aber das gehört eben zu der Verwirrungsstrategie, einerseits reaktionäre Positionen zu vertreten und andererseits die Muslime wegen solcher zu beschimpfen. Für die Anhänger dieser Richtung mag das logisch sein, weil sie die Migranten mit muslimischem Hintergrund als ein geschlossenes Kollektiv ansehen, das es zu bekämpfen gilt. Dann ist es auch logisch, sich einerseits emanzipatorischer Argumente zu bedienen, wenn man die islamische Kultur wegen Frauenunterdrückung und mangelnder Religionsfreiheit kritisiert, aber andererseits in Feminismus, Gender-Theorie, in Atheisten und Kirchenkritikern eine Gefahr für die eigene Kultur zu sehen. Wer so argumentiert, kann aber folglich gar nicht den Islam wegen seiner unmodernen Eigenschaften hassen, sondern auch nur, weil er eine Gefahr für die eigene Kultur ist. Da er diese Eigenschaft nun angeblich mit der emanzipatorischen kulturellen Moderne teilt, ist es für eine gewisse rechte konservative Strömung eben logisch, beides zu bekämpfen.

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